Nein , das 5. Gebot ist nicht „ Du sollst nicht töten“ , es geht hier um das 5. HiFi Gebot „ Du sollst nicht behaupten HighEnd sei teuer“ oder meinetwegen „Du sollst nicht den Glauben an leistbarem HighEnd töten“. Und selten war mir das so klar wie nach dem Besuch bei Allegro.

In meinem vorigen Beitrag ging es ja um den neuen Wunderlautsprecher von Kii Audio, dem meines Erachtens nach eine „Kleinigkeit“ gefehlt hat, nämlich die Freude an der Musik. Umso hellhöriger war ich als Bernhard „Allegro“  Mesicek mir erzählen wollte über ein schon fast obszön günstiges HighEnd Set.  Also nichts wie hin in den siebten Wiener Gemeindebezirk, mit Macbook im Rucksack und hohen Erwartungen. Bernhard Mesicek ist nämlich ein HiFi-Faun , der zwar weder gehörnt noch Bockfüßig ist , aber wie es das Wörterbuch so schön beschreibt  durchaus „ in der Kunst besonders die starke, ungehemmte Triebhaftigkeit symbolisiert“, der Trieb heisst hier natürlich Suche nach guter Musikwiedergabe , oder eben auch HighEnd.  HiFi verwende ich deshalb nicht so gerne , da zu viel Schrott mit diesem Begriff in Verbindung gebracht wird, man betrachte nur das Angebot des Elektrohändlers/-Marktes ihrer Wahl. Und immer ist Audio für mich die untere Grenze des eigentlich nicht mehr zumutbaren. Nicht nur bei Geräten.

Bonsai Time

Beim Eintreffen verblüfft zuerst einmal die 33 x 16 x 20 cm kleine Box „Terza“ Chario_Terzaauf dem alten Linn – Sara – Ständer*. Designmässig kann sie ihre italienische Herkunft Gottseidank nicht verbergen, englisch wäre hier verfehlt. Klangmässig aber wird es durchaus British, ist es nicht?  Schon nach einem kurzen ersten Durchgang mit Melody Gardot, Trombone Shorty, Sophia Zelmani und der Misa Criola gibts nicht zu klagen aber die unfassbare Erkenntnis : Vielleicht etwas ZUVIEL Bass. Oida! Zuviel Bass??? Ein Lautsprecher der so hoch ist wie eine aufgestellte LP und halb so breit klingt amerikanisch, also leicht adipös !?!?? Die Lautsprecher waren etwa 30 cm vor der Rückwand positioniert, also weder in der Ecke noch direkt an der Wand. Letzteres wäre auch nicht ratsam, da die Bonsai-Highender nicht nur 1 Tweeter nach vorn sondern auch zwei nach hinten besitzen und so ein mittels aufwändiger Frequenzweiche ausgeklügeltes Abstrahlverhalten realisieren, das unglaublichen Charme besitzt. Es ist nämlich keineswegs so verwaschen wie andere „Rundumstrahler“ , auch wird kein artifizieller SurroundsoRückwand Chario Terzaund aufgedrängt, sondern ein musikalisch äusserst erfreuliches Ambiente präsentiert. Wobei präsentiert schon fast zu theatralisch klingt, die Musik ist einfach schön und „da“, gleichgültig ob Jazz, Pop, Klassik oder World. Egal ob es sich um Soloklavier, großes Orchester oder kleines Jazztrio handelt. Beyonce schwingt ihren Baseballschläger mit Saft und Kraft, Milos Karadaglic streichelt seine Lautengitarre sanft, und das Modern Jazz Quartett swingt dass es eine Freude ist. Bei allen Instrumenten quillt förmlich der Saft aus dem Holz, blecht das Blech oder gurrt die Stimme, Dee Dee Bridgewater bietet „Love for sale“ in einer Weise, dass hoffentlich die Kinder schon im Bett sind, denn das ist definitiv „Explicit“ im Ausdruck. Der Boxenverschieber in mir gewinnt die Oberhand, 40 weitere Zentimeter in den Raum lassen den Bassüberhang verschwinden und Faun Mesicek findet mit 10 cm wieder zurück  letztendlich den Sweetspot**. So muss es sein, so wollen wir es jetzt hören.

Modernes Konzept mit altmodisch gutem Sound

So klein und dabei ein richtige HighEnd-Amp

Habe ich schon erwähnt dass auch der Verstärker in die Kategorie Bonsai gehört? 20 cm breit , 18 tief und nur 7cm hoch , in elegantem Weiß und mit goldenem Lautstärkeknopf , das hat schon was. Vor allem – wieder kaum zu glauben – Kraft. 2 mal 50 Watt an 4 Ohm ist absolut genug für die meisten Lautsprecher , sogar jene mit weniger Wirkungsgrad wie die hier betriebene Terza von Chario ( 84dB SPL) . Die Kraft wird aber mit Lust gepaart und sorgt für opulenten Klang , kein Digitalsound weit und breit, Klarheit ohne Schärfe, Wärme ohne harmonische Verzerrungen , ein schön gestaffeltes Bühnenbild in Breite und Tiefe. Sehr interessant ist auch das Konzept des Mini-Amps. Ein analoger Eingang, ein weiterer mit Mini-Klinke, optischer TOSLINK und Bluetooth. Und (!) eine Cinchbuchse für den Subwoofer, falls die Bass Frequenzen auch unterhalb von 80 Hz aktiviert werden sollen .

chario_quadro

Bluetooth, analog-in, Sub-Out, Miniklinke-In, Optisch und LS x2

Der Chario Quadro – vermutlich wegen der vier verschiedenen Eingänge so genannt – spricht also den modernen User an, der zuerst mal vom Handy oder iPad Musik übermittelt, auch den TV oder die Playstation anschliessen möchte und vielleicht sogar einen Plattenspieler; nachdem das aber bereits so wenige sind ist der Preis nicht durch den meist überflüssigen Phonoverstärker verdorben und bleibt bei geradezu lächerlichen 399.- Euronen. INKL!
Musik in allen Schattierungen, opulent dargeboten, mit einem Platzbedarf der auch in einer Telefonzelle von Studentenzimmer zu finden ist; Herz was willst du mehr. Wir sind beim HighEnd-Faun, und daher …

A bisserl was geht immer noch

Die Diskussion um die Qualität der zum Preis von 499.- äusserst preiswerten Chario Terzas ( das Paar !)  lockt natürlich den Stachel bei Meister Mesicek, und das ein Verstärker um 399.- nicht unbedingt das Ende der Fahnenstange ist, auf der die HighEnd Flagge gehisst werden kann, ist klar. Und nein , wir reden auch nicht über 5000.- Euro oder mehr als nächste Stufe des Verstärkerbaus , wir reden von – in HighEnd Kreisen immer noch als Einstiegspreis verstandenen  – 1300.- , die man für den „CROFT Integrated „ hinblättern müsste, in dem Fall bereits mit eingebautem Phonoteil. Dann geht aber die Bühne noch ein paar Meter weiter auf und auch noch etwas weiter nach hinten . Croft Integrated PhonoDann glänzt der Saitenklang von Milos noch seidiger , das Vibraphon von Milt Jackson hat nicht ein paar Hundert sondern viele Tausend Schattierungen in der Klangdynamik und die Hammondorgel von Martin Michels Hammondjazz atmet puren Groove. „A Case of you“ von Diana Krall wird a case for me, ich eile an die Bar um sie dort zu treffen.

Der Croft ist übrigens ein Hybrid Verstärker, mit Röhren in der Vorstufe und MOSFET Transistoren ohne Gegenkopplung  in der Endstufe. Das macht vor allem eines : Große Freude beim Hören. Eine Musikalität ohne gleichen , eine Malakofftorte für die Ohren, aber auch Thors Hammer und Sichel wenn sein soll, aus Damaszener-Stahl, mindestens 16 mal gefaltet. Ich höre jetzt die „Experten“ aus dem „Open-End-Music Forum , dass ein Verstärker nicht musikalisch sein kann und gefälligst nur das Eingangssignal verstärkt an den Lautsprecherausgang zu liefern hat. Das ist ungefähr so klug wie dass ein Schauspieler gefälligst den Text des Autors bestmöglichst abzulesen oder auswendig aufzusagen hat. Jo eh.

Croft Integrated open

Großer Ringkerntrafo, Röhrenvorstufe und MOSFET-Endverstärker, HighEnd Menü vom Feinsten  ©inputaudio.de

Wer Ohren hat der höre, Das Gehirn und die ca 1 m tiefer liegenden Sinnesorgane dazu schalten nicht vergessen.  Für mich war der Croft der interessanteste Verstärker, den ich in den letzten Jahren gehört habe. Im Klang UND im Preis.

The Return of the Reference -Quad

Wie kann man behaupten ein Verstärker wäre so überragend gut, wenn man ihn „nur“ an einem 500 Euro Lautsprecher gehört hat ? Kann man nicht , aber da war ja noch ein 4tes „Schnäppchen“ im Spiel von dem zu berichten wäre . Und hier kommt ein Name ins Spiel der selbst den seit 1975 tätigen Mannen von Chario als Historie gilt: QUAD***. Diese Marke lies schon immer den Schauer des Wohlseins über den Rücken rieseln, QUAD ist sozusagen die sprichwörtliche Musikalität im Lautsprecherbau. Jahrzehnte die Referenz für Wohlklang , haben die Leute offenbar auch heute Ihr Handwerk nicht verlernt , und wie einige der „alten Riege“  (sprich ELAC, CHORD, Threshold/Schhiit ) ihr Herz und vor allem ihre Entwicklungsabteilung auch für weniger Betuchte geöffnet.

Quad_S2

Quad S2 ©Quad

QUAD S2 , ein Zweiweg-Lautsprecher mit Bändchenhochtöner und Klavierlack-Dress lies für uns die Qualitäten des Croft Integrated noch deutlicher zu Tage treten, Gleich musikantisch wie die Chario-Terza aber noch feingliedriger eleganter, zum Rot des Montepulciano quasi noch das Eichenholz und der Rauch des Single Malt. Oh mein Gott , ist das nicht eigentlich verboten dass ein Lautsprecher um 899.- Euro/Paar so gut klingen darf? Ein Croft Integrated und ein Paar Quad S2 um knappe 2000.- als Einstieg in mindestens die HiGhEnd Mittelklasse , in die sonst unter 15.000.-  kein Weg führt.

 

 

Wenn sich die Gemüter wieder beruhigt haben, folgt in den nächsten Tagen noch ein Nachwort, das ich aber in guter ‚Nemawashi‘ Tradition noch ein wenig behirnen will.

 

*Sara war da mittlere Modell der ersten LINN Lautsprecher, zwischen der legendären Isobarik und dem Wunderkind Winzling Kan. Gemäß dem Stabilitätsgebot des Hauses war der Stand viel robuster als das Gwicht der Box verlangt hätte, deswegen aber auch sehr vibrationsarm.
** QUAD war lange Zeit in der HiFi Szene ( damals war HiFi aus England noch grundsätzlich hochwertig) der Inbegriff von Musikalität im Lautsprecherbau, bedingt durch die Bauweise als Elektrostat und die Heritage britischer Klangorientierung. Alle Hersteller haben damals diesem Klangideal nachgeeifert, erst viel später wurde (knallharte) Transparenz deutscher Klanglogik eine zweite Religionsausprägung.