Ein Versuch über die Grenzen der Kontrolle

Selten haben mich neue Lautsprecher so beeindruckt, verwirrt und beschäftigt wie das Modell Three von Kii Audio. Und ich gestehe schon viele Lautsprecher unter mehr oder weniger kontrollierten Bedingungen gehört und beurteilt zu haben.

Begonnen hat alles wie immer mit Berichten „im Netz“ bzw. in HiFi Magazinen. Kii Audio sei derzeit das Maß aller Dinge, so klein wie großartig in der Performance, neueste Technologie gepaart mit wissenschaftlicher Messgenauigkeit und innovativer Anwendung einer Kombination von Digital Signal Processing, 6 Lautsprechern und 1500 Watt Digital Amps pro Box!  Auf 40 x 20 x 20 cm, satte 15 kg schwer. Da geht dir die Vorstellungskraft entweder aus oder durch. Und es hilft nur eins: Wo kann man die Teile hören! .

Überraschung Nr 2: In unserem Land nur an 2 Plätzen, beim für frühe Adaption ungewöhnlicher Wandler wohlbekannten HiFi Team Czesany  in Graz und in der ebenso für die Jagd nach der höchsten Klangqualität bekannten Kopfhörer-Boutique von Andreas Pohnitzer. Für alle die letztere Location noch nicht kennen : Wie der Name schon sagt handelt es sich um ein relativ kleines feines Geschäft , das für seine riesige Auswahl hochwertigster Kopfhörer und dazu nötiger DACs und Verstärker normalerweise ja auch nicht all zu viel Platz braucht. Und hier kommt auch schon eine wesentliche Eigenschaft der zu behorchenden Kii Three zum Ausdruck: Durch die geniale elektronische Behandlung der Bass-Abstrahlung funktioniert tiefer Bass auch in kleinen Räumen, da die Kombination von 4 Woofern eine hauptsächlich vorwärts gerichtete Basswelle erzeugt und Rückwürfe der Wand hinter dem Lautsprechern reduziert werden. Mehr dazu auf der Kii Audio Website 

Nachdem die homöopathischen Öffnungszeiten der Kopfhörer-Boutique endlich mit den eigenen Zeitplänen in Einklang gebracht wurden, nun also der große Nachmittag.

Bei Andreas Pohnitzer kann man entweder seinen interessanten Musikgeschmack geniessen oder eigenes Tonmaterial zum Klingen bringen und das haben wir ( mein HiFi-„Brother in Crime“ und Linn-Freund  Peter und ich) dann auch ausgiebig gemacht.

OMG! – Ist denn das möglich ?

Und da gibts zuerst einmal eine Unzahl von WOWs , „Na seawas“ , „Bist du narrisch“ und „Wahnsinn“- Momente.

Die Kii Three ist unfassbar neutral, der Frequenzgang nicht nur auf dem Papier sondern auch klanglich unglaublich ausgewogen, keine Bevorzugung, keine Delle irgendwo.  Bass in nicht vorstellbaren Mengen und Tiefen, immer voll unter Kontrolle. Wer bei „We Want War“ von These New Puritans seine Hosenbeine flattern sehen will, no problem. Wem nach einem gezielten Schlag in die Magengrube beim „Bass & Drum Intro“ der Nils Lofgren Band ist, gerne. Und auch der städtische Panzerhandschuh ( „Urban Gauntlet“ ) von Kevin MacLeods „Final Battle“ knockt dich aus, ohne mit der Wimper zu zucken, Bummm, trocken, machtvoll, gnadenlos. Andererseits gibts eine Auflösung die ihresgleichen sucht, Weite und Breite in kaum gehörtem Ausmaß, Tiefe als gäbe es keine Rückwand im Konzertsaal. Jose Carreras singt Misa Criolla mit Inbrunst, eine riesige „Surdo“ klopft 50 m weiter hinten als Mahnung ans Himmelstor, die Chormitglieder können trotz großer Zahl quasi einzeln begrüßt werden. Diane Krall beendet ihr Pariser Konzert mit „A Case Of You“ , man sieht wo und fast auch wie sie sitzt, die Klaviermechanik klingt hölzern wie es sein muss, die einzelnen Bereiche der Klavierharfe strahlen das jeweils charakteristische Spektrum des Klanges unterschiedlich ab,  passend nach Tonhöhe und Dynamik geordnet.

Perfektion aus allen Rohren

Trombone Shorty bläst „Backatown“ mit Groove von fettem Bassrhythmus getragen, Michel Legrand fächert seine Big Band quer durch den Raum, sein versprechen „ I Will Wait For You“ ist aber nicht nötig, weil die Kii Three so „schnell“ sind, dass sie jedem Impuls sofort folgen, ohne ihn ungebührlich nachschwingend zu wiederholen. Und weil alles so perfekt da ist, schraubt man die Anforderungen nochmals höher und ruft das Hilliard Ensemble auf um „Sanctus & Benedictus“ von Ockeghem zu erlangen. Wie erwartet auch hier eine Klarheit, als könnte man jedem Ensemble-Mitglied die Rötung der Mandeln prüfen, kein Hauch von Schärfe, alles neutral und ungeschönt.

Atemlos !

Und plötzlich wie aus heiterem Himmel die Erkenntnis: Es ist uns völlig egal! Kein wohliger Schauer, kein Rieseln über den Rücken. Und auch Diane Krall war uns absolut „wurscht“ wie man in Österreich so treffend sagt. Schnurzpiepegal ! (für unsere Nachbarn im hohen Norden). Oder wie Peter es nannte: „Es atmet überhaupt nicht“. Kein Fuß wippt, kein Tanzbein zuckt bei Trombone Shorty , selbst der großartige Nick Cave mit seinem überragenden „Skeleton Tree“ Album berührt uns hier ausnahmsweise nicht ein bißchen. DOA –  Dead on Arrival.

Wie kann das sein ? Wie ist es möglich , dass ein Lautsprechersystem , das von unter 20 Hz bis über 25 kHz jede Frequenz perfekt überträgt , das eine Impulsantwort liefert von dem fast alle anderen Lautsprecher nur träumen , das Dynamik ohne Ende bietet , vom pianissimo  Mahlerischer Dimension bis zum Electro Dirt der Infected Mushrooms, dass also so ein geniales System so vollkommen unberührt lässt. Bei Titel und Tracks , die zu Hause auf den mehr als 30 Jahre alten „Rauna Ymer“ – Lautsprechern von Bo Hansson an einer Linn-Endstufe und mit 100 € DAC von Schiit aus dem gleichen Macbook Pro die Tränen waagrecht aus den Augen treibt ?!? Woran liegt es dass der Fuß nicht wippt, die Gänsehaut ausbleibt?

Was fehlt? Oder ist gar etwas zu viel?

Hier kommt mir meine Vergangenheit als Produktmanager bei AKG und Technics in die Quere, die mich ersucht den Entwicklern eine Antwort auf die Frage zu geben: Was sollen wir anders machen, wo verbessern. Und ich erinnere mich an Freund Staribacher von der Mozartband der damals als Alpinkatz das Bindeglied zwischen der Entwicklungsabteilung der Musikermikrofone und der „Welt der Bühne“ war. „ Des Mikrofon hot kan Bock“ war seine geniale Analyse eines Prototypen; „bei welcher Frequenz und Amplitude findet sich der Bock“ die lapidare Antwort der Techniker. Frequenzgang ruler flat, Impuls kurz und ohne Nachschwingen, was will man mehr, was kann noch besser sein?  Wie definiert man „Air around the instrument“? Was bedeutet „Emotionale Musikwiedergabe“ in dB und Hz ?

Auf der Suche nach Antworten woran es fehlt, wenn eine Wiedergabe nicht berührt, fällt mir zuerst eine Analogie aus dem Musikerbereich ein: Die Rhythmusmaschine. Oder auch das gefürchtete „Auto-Tune“ . Erstere produziert einen exakten Beat immer und überall, Mikrosekunden genau und … langweilig bis zum geht nicht mehr. Zweites ist die automatische Korrektur eines schwachen Sängers bzw. Sängerin , der die richtige Tonhöhe nicht findet und daher gerade gebogen wird von flinker Echtzeit-naher Elektronik. Wenn also alles perfekt ist, elektronisch korrigiert „richtig“ gemacht, wird die Wiedergabe immer weniger lebendig, mechanischer und Emotionalität geht mehr und mehr verloren. Kein Flow mehr, alles unter Kontrolle. Kann man damit auch übertreiben? Ja , kann man behaupte ich einmal. Der Knackpunkt liegt zwischen Regelung der mechanischen elektrischen Eigenschaften des Lautsprechersystems zum Vermeiden von Unregelmäßigkeiten und Eingriff in das Ausgangssignal bzw. dem Content. Und ich kann dafür auch noch einen besseren Zeugen aufbieten als meine bescheidenen Kenntnisse der Tontechnik, HiFi-Geschichte und Akustik.

Maximum an Kontrolle ≠ OptimumAbsolutely_on_music

Ich lese gerade das geniale und allen (klassischen) Musikliebhabern unbedingt ans Herz zu legende Buch „Absolutely On Music“ von Haruki Murakami. Als genialer Hörer und Plattensammler spricht Murakami mit dem Dirigenten Seiji Ozawa über seine Erfahrungen mit Bernstein, Karajan, den Bostoner und Wiener Philharmonikern und vieles mehr. Und er spricht in einem für mich – und in diesem Zusammenhang – hochinteressanten Phänomen der Annäherung an Gustav Mahler. Wer sich so wie zB Fritz Reiner an Mahler annähert und versucht in der Manier Beethovens die Partitur exakt nachzuvollziehen und perfekt so spielen zu lassen wie es in den bis ins kleinste Detail vorgeschriebenen Notenschriften steht , wird nicht zu dem großen Klangergebnis kommen, das Mahlers Klangschönheit auszeichnet. Wer dagegen das Glück hat ein klanglich überragendes Profiorchester wie die Wiener Philharmoniker zu dirigieren , kann, ja muss sogar die einzelnen Schichten der Partitur den Musikern überlassen und sie einfach spielen lassen, ohne militärische Genauigkeit einzufordern. Erst dann entwickelt sich ein großes Ganzes, das als großartige Klangskulptur den Eindruck vermittelt, der Mahler vorgeschwebt hat als Ideal.

Elektronisch ja aber …

Kommen wir zurück zu den Kii Three im speziellen und DSP und ähnlichen generell. Ich behaupte dass ein Zuviel an Kontrolle der Musikwiedergabe nicht mehr dient sondern sie entmenschlicht. Ich behaupte NICHT, dass elektronische Unterstützung der Raumanpassung zB per se schon schlecht sein müssen; Trionov, Lindemann und vor allem Lyngdorf fallen mir hier spontan als gelungene Beispiele elektronischer Regelungen ein. Ich glaube auch nicht, dass die Elektronik zwischen Quelle ( Macbook Pro mit verschiedenen CD, HiRes und AAC files)  und Kii Three den Klangcharakter negativ beeinflusst haben, da ich zB. die Auralic Streaming Bridge schon in wunderschönen Darbietungen gehört habe und das zusätzliche artistic fidelity USB-Modul in diesem Zusammenhang sicher klangneutral ist. Bei der freundlichen Empfehlung in welcher Richtung ich als Kii Audio Entwickler weiter forschen würde kommt mir nur „ die Zügel etwas lockerer lassen“ in den Sinn, um so das Leben der Aufnahmen wieder zurück zu gewinnen. Und dass ich Kii Audio weiter mit größtem Interesse verfolgen werde und hoffentlich noch oft hören kann, davon kann man getrost ausgehen. Persönlich verspüre ich aber noch keinen Kaufimpuls, auch wenn sie viel mehr können als 10 000 € für das Paar  und vor allem Ihre Baugröße vermuten lassen. Die Diskussion ist eröffnet.